Der  verdrehte Turm
Krankenverein

2002 blickt eine Einrichtung unserer Kirchengemeinde auf eine 110-jährige Geschichte zurück, die es in Erinnerung zu rufen gilt. Im Archiv findet sich folgende Urkunde:

“Grötzingen, den 16. Oktober 1892.

Vor Bürgermeister Jordan.

Zur Verwaltung des heute gegründeten Frauenvereins wurden mit Stimmenmehrheit gewählt:

Als Beirat: Herr Pfarrer Cammerer; als Vorsteherin: Frau Bürgermeister Jordan; als Vertreterin der Vorsteherin: Frau Fabrikant Fießler;

Als Verwaltungsratsmitglieder: 1. Frau Fabrikant Fießler, 2. Frau Andreas Vögtle, 3. Frau Christian Walther, 4. Frau Leopold Lang, Frau Heinrich Herbold, Frau Heinrich Mössinger, 7. Frau Gottlieb Wagner, 8. Frau Wilhelm Hahn, 9. Frau Jakob Friedrich Benz, 10. Frau Jakob Scheidt, 11. Frau Conrad Arheidt”.

Drei Dinge fallen an diesem Dokument auf:

  • 1. Der Krankenverein geht auf einen Vorläufer zurück, der von seiner Gründung 1892 bis zu seiner durch den Nationalsozialismus erzwungenen Auflösung 1938 Frauenverein hieß. 1945 ließ man den Verein innerhalb der evangelischen Kirchengemeinde wieder aufleben, nun unter der neuen Bezeichnung als Krankenpflegeverein.
  • 2. Die Vorstandsmitglieder dieses Vereins werden alle mit den Namen ihrer Männer vorgestellt ! Wir haben es also nicht mit einer Gründung aus emanzipatorischem Interesse zu tun, wie es z.B. der 1865 gegründete Allgemeine Deutsche Frauenverein vertrat.
  • 3. Die Zusammensetzung des Vorstandes gibt zu erkennen, dass in diesem Verein kirchliche Gemeinde ( damals war Grötzingen noch fast ausschließlich evangelisch), bürgerliche Gemeinde und gesellschaftliche Oberschicht, hier repräsentiert durch die aufstrebende Industrie in Grötzingen, zusammengeschlossen waren. In den folgenden Jahren ist in der Regel die Frau des jeweiligen Pfarrers Vorsitzende des Vereins, der Pfarrer hat die Funktion des Beirats.

Die Entstehung des Vereins steht im Zusammenhang mit der Gründung des Badischen Frauenvereins 1859 auf eine Initiative der badischen Großherzogin Luise hin. Diese Vereinsgründungen waren eine Reaktion auf die sozialen Probleme der Industriealisierung des 19. Jahrhunderts, deren soziales Elend in besonderem Maße Frauen belastete. Diese Vereine sind Teil der bürgerlichen Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts. Man sprach damals geradezu von einer “Frauennot”. Vor allem standen hier schulentlassene Mädchen im Vordergrund, die weithin sich selbst überlassen blieben, wenn die Familie sie nicht begleiten konnte. In einem Bericht vom Jahre 1917 heißt es dann auch: “Zunächst wollte der Verein nur die Lehrerinnen der Industrieschule bei der Erteilung des Unterrichts unterstützen und der Kleinkinderschule seine Hilfe zuteil werden lassen. Schon im ersten Winter seines Bestehens veranstaltet er aber des Weiteren einen Flickkurs für schulentlassene Mädchen und zieht er Unterstützung bedürftiger Kranken in den Kreis seiner Arbeit ein”. Die heutige Aufgabe des Vereins, die Krankenpflege, ist damals also zunächst nur eine zusätzliche Aufgabe am Rande. Betreuung von Kindern und jungen Mädchen durch Nähschule, Kochkurse, aber auch die Wiederaufnahme einer schon längst vergangenen Tradition, der Spinnstube, spielen eine gewisse Rolle.

Da in der dörflichen Situation Grötzingens die sozialen Probleme von jungen Mädchen nicht so sehr im Vordergrund stehen, übernimmt der Verein hier eher eine Weiterbildungsaufgabe im Sinne einer Förderung hauswirtschaftlicher Fähigkeiten junger Mädchen. So steigt die Nachfrage nach den sechswöchigen Kochkursen so stark, dass paralell ein Mittags- und ein Abendkurs eingerichtet werden. Die Kurse fanden viele Jahre im Schloß statt, wo die Familie Fikentscher dem Verein kostenlos Räume zur Verfügung stellte. Der “Gemeindegruß” vom Februar/März 1918 berichtet: “Die abschließende Kochprüfung – gewöhnlich in Verbindung mit dem Spinnfest – bildete jeweils einen festlichen Höhepunkt im Jahresleben des Vereins. Einem solchen Fest – im Jahre 1901 – wohnte auch ihre Königliche Hoheit, die Großherzogin Luise bei”. Der Frauenverein war lange Jahre einer der größten Grötzinger Vereine. Von 80 Gründungsmitgliedern wuchs der Verein bis 1913 auf 639 Frauen an. Heute gehören dem Krankenverein 508 Mitglieder an (Stand 2002).

Aber sehr bald rückt die Krankenpflege in den Mittelpunkt. Am 15. Januar 1896 verpflichtete sich Frau Luise Scheidt (1870 bis 1941), sich im Diakonissenhaus in Karlsruhe in der Krankenpflege ausbilden zu lassen, um in Grötzingen als Krankenpflegerin im Dienste des Frauenvereins tätig werden zu können. Schon bald reicht eine Schwester nicht mehr aus, so dass sich der Verein an das Diakonissenhaus in Karlsruhe wandte mit der Bitte, eine Diakonisse als zweite Krankenschwester nach Grötzingen zu schicken. Im Sommer 1904 trat die Diakonisse Wilhelmine Klein als zweite Schwester in Grötzingen ihren Dienst an. Der Dienst der Krankenschwestern war für die Vereinsmitglieder kostenlos, Nichtmitglieder zahlten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges für einen Schwesterngang bei Tag 40 Pfennig und bei Nacht eine Mark.

Schon im 19. Jahrhundert waren die badischen Frauenvereine eng mit dem Roten Kreuz zusammengeschlossen, so dass dem Frauenverein während des Ersten Weltkrieges gleichzeitig die Rolle eines Ortsvereins des Roten Kreuzes zufiel. Der Verein trägt nun die Bezeichnung “Frauenverein vom Roten Kreuz”. Die nationalsozialistische Regierung erzwang dann durch Gesetz vom 21. 02. 1934 den Zusammenschluß von NS - Volkswohlfahrt mit Innerer Mission, Caritas und Deutschem Roten Kreuz. Jetzt nennt sich der Verein “Deutsches Rotes Kreuz, Vaterländischer Frauenverein, Zweigverein Grötzingen”. Die Unterstellung des Roten Kreuzes unter die NSDAP und die Eingliederung in die Wehrmacht führten schließlich zur zwangsweisen Auflösung des Frauenvereins.

Mit der Auflösung des Vereins 1938 wurde die Krankenpflege von “braunen” Schwestern des Nationalsozialistischen Schwesternverbandes (NSV) übernommen. Erst 1946 kommen nach der Wiederbegründung des Vereins wieder Rüppurrer Diakonissen nach Grötzingen, bis 1972 mit der Zurruhesetzung von Schwester Marie Weißer der Vertrag mit dem Diakonissenhaus in Rüppurr erlischt, da es kaum mehr Diakonissen gibt. In Frau Christa Schneider wird wieder eine in Grötzingen ansässige Frau für den Dienst der Krankenpflege gewonnen. Sie bleibt der Gemeinde auch dann erhalten, nachdem die Krankenpflege insgesamt von der Diakonie - Station in Durlach übernommen wird. Die Sozialgesetzgebung in Baden – Württemberg und die allgemeinen Tendenzen der Rationalisierung machen es notwendig, dass sich eine größere Zahl von Gemeinden zusammenschließen, um in der Gestalt einer Diakoniestation eine effektive Krankenpflege zu gewährleisten.

Schon von Anfang an war der Frauenverein um ein Gebäude bemüht, in dem er seine verschiedenen Aktivitäten entfalten konnte. 1914 konnte der Verein von der Ortsgemeinde ein Grundstück am alten Friedhof erwerben, das aber, in der Folgezeit nicht bebaut, 1937 in den Besitz des Deutschen Roten Kreuzes überging. Dieses Grundstück wurde von der Gemeinde zurückgekauft. Auch der Erwerb eines Hauses in der ehemaligen Kaiserstraße kam nicht zustande. Seit Mai 1930 waren die Krankenschwestern im Kinderschulgebäude in der Pfinzstraße untergebracht. 1950 ziehen die Schwestern in die Pfinzstraße 11 um, 1961 endlich konnte in der damaligen Herderstrasse 12 (Karl– Martin– Graff–Straße) eine Krankenpflegestation eingerichtet werden, die dort bis 1972 ihren Platz fand.

Auch nach der Einrichtung einer Diakonie – Station in Durlach bleibt die Aufgabe des Krankenvereins als Solidargemeinschaft von gesunden und pflegebedürftigen Gemeindegliedern eine wichtige Einrichtung der Kirchengemeinde.

Seit Oktober 1997 konnte ein Kranken – und Altenbetreuungsdienst in Grötzingen eingerichtet werden. Frau Ingrid Bausch hat sich für die Übernahme dieses Dienstes bereit erklärt. Dazu wurde sie von der Evangelischen Kirchengemeinde als Teilzeitkraft angestellt. Zweck dieser Einrichtung sind pflegeergänzende Dienste, z.B. Besuche und Hilfen bei Menschen mit leichten Erkrankungen, Überbrückungshilfen für eine begrenzte Zeit, eventuell nach Krankenhausaufenthalten, Hilfen im und außerhalb des Haushalts und Begleitung in persönlichen Dingen, Gespräche u.s.w. Diese Hilfsdienste sind für die Vereinsmitglieder kostenlos. Aus den Mitteln des Vereins wird diese Einrichtung finanziert und die Diakonie - Station mit getragen.

E. Marggraf / S. Heidt

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Impressum / Stand 29/03/12